Mein Weg zum Sehtraining
Meine erste Lesebrille
Während des Studiums und auch später im Beruf habe ich meine Augen nie bewusst wahrgenommen. Obwohl ich täglich viele Stunden am Computer gearbeitet habe, leisteten mir meine Augen immer perfekte Dienste.
Das blieb so bis zu meinem 45 Lebensjahr. Dann ereignete sich aber plötzlich in meinem Leben etwas, was mich zutiefst erschütterte. Es war wie ein Erdbeben, der alles, was mir wichtig war, mit einem Schlag zerstörte. Ich war verwirrt, verzweifelt, traumatisiert.
Die innere und äußere Aufbauarbeit, die ich leisten musste, verlangte viel mehr Energie, als ich hatte. Die E-Mails und Briefe stapelten sich. Ich wollte sie nicht lesen, weil mit jeder E-Mail Aufgaben verbunden waren, die ich nicht erfüllen konnte - es war einfach zu wenig Energie da.
Ich wollte die Mails nicht lesen - bis mir eines Tages bewusst wurde, dass ich sie nicht mehr lesen kann. Meine Sehkraft hat stark gelitten und zum ersten Mal im Leben benötigte ich plötzlich eine Lesebrille.
Die Verschlechterung meiner Sehkraft
Im Laufe der darauffolgenden Jahre hat sich meine Sehkraft weiter verschlechtert. Ich konnte weder in der Nähe noch in der Ferne klar sehen. Nach der Augenmessung beim Optikerbesuch wurde mir eine Gleitsichtbrille mit +3,5 Dpt. und Zyl. 1,5 empfohlen.
Mit dem Gedanken, eine Brille dauerhaft tragen zu müssen, konnte ich mich nicht anfreunden. Die Brille fühlte sich für mich wie ein Gefängnis an. Plötzlich war eine Barriere auf meiner Nase da, die mich von der Außenwelt trennte. Ich fühlte mich nicht mehr als Teil der Welt um mich herum. Die seitlichen Unschärfe-Bereiche der Brille und der Brillenrahmen engten meine periphere Sicht so ein, dass ich gefühlt wie durch einen Tunnel schaute. Ich konnte die Brille nicht aushalten. Und so entschied ich mich keine Gleitsichtbrille zu tragen, sondern behalf mich weiterhin mit der alten Lesebrille.
Das hatte zur Folge, dass ich mich während des Autofahrens sehr anstrengen musste und auch im Alltag immer mehr Unsicherheit verspürte. Dieses Gefühl verstärkte sich, bis ich nach einiger Zeit eine konstante, latente Ängstlichkeit bemerkte. Damals kannte ich den Zusammenhang zwischen den Fehlfunktionen des visuellen Systems und der Psyche noch nicht und führte deshalb diese Entwicklung nicht der Tatsache zu, dass ich schlecht sah.
Das Schlüsselereignis
Einige Zeit später ereignete sich auf dem Mailänder Hauptbahnhof ein Schlüsselmoment, der mein Leben verändert hat. Ich war auf einer Reise durch Italien und musste in Mailand umsteigen. Es war ein heißer Sommer, die Temperatur erreichte 39 Grad und der Bahnhof war überfüllt. Es gab überhaupt keinen Sitzplatz, die Menschendichte war unerträglich. Der Zug, den ich nehmen sollte, hatte Verspätung und ich wollte auf der Ankündigungstafel sehen, wann und auf welchem Gleis er ankommt.
Ich schaute auf eine elektronische Anzeigetafel, die relativ hoch aufgehängt war. Und obwohl ich mich angestrengt habe, konnte ich die Angaben nicht lesen!
Ich griff in meinen Rucksack, um die Brille zur Hilfe zu nehmen, aber fand sie nicht. Die Brille war weg. Ich muss sie im Zug vergessen haben. Und in diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich ABHÄNGIG VON DER BRILLE war! Diese Erkenntnis schlug in mir wie ein Donnerschlag ein.
Aus dem Unterbewusstsein stieg plötzlich die Frage auf: Was, wenn ich in eine Situation käme, in der mein Leben von meinem Sehen abhängig wäre, und ich hätte die Brille nicht dabei? Ich fühlte plötzlich die ganze Tragweite der Brillenabhängigkeit. Und das fühlte sich für mich unerträglich an. In diesem Moment fasste ich den festen Entschluss, alles zu tun, um meine Sehkraft wieder zurückzugewinnen.
Die Entdeckung des Sehtrainings
Als ich nach meiner Italien-Reise wieder nach Hause kam, begann ich sofort mit der Recherche und entdeckte die Möglichkeit, die Sehkraft mithilfe des Sehtrainings zu verbessern. Ich meldete mich für einen Online-Kurs beim bekannten dänischen Sehtrainer Leo Angart an und begann nach seinen Anleitungen zu üben. Parallel dazu beschäftigte ich mich mit der Methode von Dr. W. H. Bates, übte auch nach Anleitungen von Margaret D. Corbet und Janet Goodrich und las Bücher und Publikationen über verschiedene weitere Ansätze und Methoden des Sehtrainings.
Es war eine unglaublich aufregende Zeit. Ich habe viel über die Zusammenhänge in der Funktion der Augen und des Gehirns gelernt und das auch in der Arbeit mit meiner eigenen Sehkraft spüren können. Meine Augen fühlten sich immer besser an, die Dioptrie-Werte schrumpften und auch seelisch ging es mir immer besser. Das - sich auf das eigene, natürliche Sehen ohne Brille verlassen zu können - hat mir das entspannte Sicherheitsgefühl im Alltag wieder zurückgegeben.
Die Erfahrung weitergeben
Bestärkt durch die eigene, positive Erfahrung, entschied ich mich die Ausbildung zur Sehtrainerin zu machen und lernte auf diesem Wege die Sehtrainerin Marianne Wiendl und das Sehtrainerteam der Sehakademie in Starnberg kennen.
Die Wissenspuzzles fügten sich langsam zu einem Gesamtbild und kurze Zeit danach, spürte ich in mir das Bedürfnis, die Menschen, die ihre Sehkraft zurückgewinnen wollen, auf ihrem Weg zu unterstützen. Ich erarbeitete mein eigenes Sehtrainingskonzept und seitdem freue ich mich über alle Teilnehmer/Innen, die durch den Besuch meiner Kurse die Freude am natürlichen Sehen wiedergewinnen wollen. Es ist ein wunderbarer Weg, der sich lohnt.
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